Varroa im Mai 2026 — die Behandlungs-Strategie
Drohnen-Brut-Schneiden als Mai-Bio-Technik, Bodenwindel-Diagnose und der Jahreskalender mit Ameisensäure 60 Prozent im Sommer und Oxalsäure-Träufelung im brutfreien Winter. Die aktuelle DIB-Mai-Empfehlung 2026 und die LAVES-Verlautbarung in der Übersicht.
Die Milbe Varroa destructor — ursprünglich ein Parasit der östlichen Honigbiene Apis cerana in Asien — belastet das deutsche Bienenvolk seit dem Frühjahr 1977, als sie nach Veröffentlichungen des Niedersächsischen Landesinstituts für Bienenkunde Celle erstmals nachgewiesen wurde. In den vergangenen 49 Imker-Jahrzehnten hat sich die Frage nicht aufgelöst, sondern in eine Routine übersetzt: Ohne Behandlungs-Strategie überlebt kein deutsches Volk den nächsten Winter. Das aktuelle Heft 17 dokumentiert die Mai-Phase 2026 am Lindenrand-Stand und ordnet die diesjährigen Verlautbarungen des Deutschen Imkerbundes (DIB) und des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) ein.
Was Varroa biologisch ist
Varroa destructor durchläuft ihren Vermehrungszyklus in der verdeckelten Brutzelle. Eine begattete Mutter-Milbe wandert kurz vor der Verdeckelung der Larve in die Zelle ein, legt 5 bis 6 Eier auf den geschlossenen Boden und produziert in den folgenden 12 Tagen 1 bis 3 fortpflanzungsfähige Tochter-Milben pro Arbeiterinnen-Zelle, in der Drohnen-Brut sogar 2 bis 4. Daraus folgt die Biologie der Bekämpfung: Drohnen-Brut ist die anfälligste Stelle des Volkskörpers — und deshalb der Hebel im Mai.
Die Schadwirkung läuft auf zwei Ebenen. Erstens entzieht die Milbe der schlüpfenden Biene Hämolymphe, was ihre Vitalität reduziert, die Lebensspanne verkürzt und das Immunsystem schwächt. Zweitens — und schwerwiegender — überträgt sie Viren, allen voran das Flügeldeformations-Virus (DWV) und das Akute-Bienen-Paralyse-Virus (ABPV). Die DWV-Infektion ist heute die wahrscheinlichste Einzel-Todesursache von Winter-Verlusten in Deutschland.
Diagnose im Mai — die zwei Verfahren
Bevor behandelt wird, wird gemessen. Im Mai-Heft 2026 stehen zwei diagnostische Verfahren als praxistauglich empfohlen, beide auf den ersten Blick wenig spektakulär, aber beide quantitativ.
Bodenwindel-Auszählung. In einer Magazin-Beute mit Schiebe-Boden (Gitter-Boden mit eingeschobenem Diagnose-Brett) liegen 72 Stunden lang die natürlich abgefallenen Milben sichtbar. Die Auszählung am dritten Tag, dividiert durch drei, ergibt den Tages-Milben-Fall. Im Mai gilt: Bei einem natürlichen Milben-Fall von über 1 Milbe pro Tag ist die Befallsrate erhöht; über 5 Milben/Tag ist die Behandlungsindikation gegeben. Am Lindenrand-Stand zeigten die sieben Wirtschafts-Völker zum Stichtag 8. Mai einen mittleren Tages-Fall von 0,7 Milben — unauffällig, aber nicht null.
Puderzucker-Schaum-Test im 250-ml-Marmeladenglas. Eine Stichprobe von etwa 250 bis 300 Bienen (das entspricht einer Tasse Bienen, etwa 30 Gramm) wird mit zwei gehäuften Esslöffeln Puderzucker beträufelt, 30 Sekunden im verschlossenen Glas gerollt, dann über einer hellen Fläche durch ein 2-mm-Gitter ausgeschüttelt. Der Puderzucker löst die Klammern der Milben, sie fallen mit dem Zucker. Die Bienen kommen unbeschadet zurück ins Volk. Der Befall in Milben pro 100 Bienen ergibt sich aus der Auszählung; im Mai ist die kritische Schwelle 1 Milbe/100 Bienen, im Juli 5 Milben/100 Bienen, im September 10 Milben/100 Bienen.
Mai-Behandlungs-Optionen — biotechnisch, nicht chemisch
Der Mai ist der Monat der biotechnischen Methoden. Säure-Behandlungen sind im Mai aus drei Gründen unzulässig: erstens, weil Honig in den Aufsätzen steht und Säure-Rückstände eintragen würde; zweitens, weil die Königin durch Säure-Dampf bei den im Mai üblichen Temperaturen Schaden nehmen kann; drittens, weil DIB und LAVES die Anwendung organischer Säuren ausdrücklich an die honigfreie Phase binden.
Drohnen-Brut-Schneiden ist die Hauptmethode. In den Brutraum wird ein leerer Bau-Rahmen am Wabenrand eingehängt, den die Bienen mit Drohnen-Brut bestiften. Wenn die Brut auf dem Bau-Rahmen vollständig verdeckelt ist — Tag 17 nach Eiablage, in der Praxis alle 9 Tage im Wechsel mit einem zweiten Bau-Rahmen — wird der Rahmen ausgeschnitten und ausgeschmolzen. Die Drohnen-Brut bindet einen überproportionalen Teil der reproduktiven Milben (Faktor 8 bis 10 gegenüber Arbeiterinnen-Brut), die mit dem Wachs vernichtet werden. Am Stand schneiden wir im Mai 2026 zwei Bau-Rahmen pro Volk im 9-Tage-Rhythmus.
Brutling-Behandlung mit Kunstschwarm. Eine fortgeschrittene Mai-Methode der toleranz-zuchtorientierten AGT (Arbeitsgemeinschaft Toleranzzucht): Aus einem starken Wirtschafts-Volk wird ein Kunstschwarm von 1,5 Kilogramm Bienen mit der Königin abgekehrt. Der Kunstschwarm ist brutfrei und kann sofort mit Oxalsäure-Sprühanwendung behandelt werden, was eine Milben-Reduktion von über 95 % in einem Behandlungs-Schritt erlaubt. Das brutfreie Restvolk hingegen wird nach 21 Tagen ebenfalls brutfrei (die letzte Brut ist geschlüpft) und kann dann mit identischem Verfahren behandelt werden.
Sommer-Behandlung — Ameisensäure 60 Prozent
Nach der Schleuderung der Sommer-Tracht Ende Juli kommt die Hauptbehandlung. Ameisensäure 60 % ist das einzige im deutschen Imkerwesen zugelassene Mittel, das auch in die verdeckelte Brut hineinwirkt — das Säure-Gas dringt durch das Wachs der Zelldeckel. Die Verdunstung erfolgt im Liebig-Dispenser, einem flachen Pappe-Verdunster, der über die Wabenoberkanten gelegt wird. Die Dosierung beträgt 10 Milliliter pro Tag über 8 bis 10 Tage, abgestimmt auf das Beuten-Volumen (180 bis 200 ml für ein Zander-2-Räume-Volk). Bei Außentemperaturen unter 12 °C wirkt die Säure nicht ausreichend; über 28 °C drohen Königinnen-Verluste. Die DIB-Empfehlung Mai 2026 nennt das August-Fenster mit Tageshöchsttemperaturen zwischen 18 und 25 °C als Optimum.
Winter-Behandlung — Oxalsäure 3,5 Prozent Träufelung
Im Dezember oder Januar — sobald nach einer harten Frost-Periode die letzte Brut geschlüpft ist und das Volk brutfrei sitzt — folgt die Restentmilbung. Oxalsäure-Dihydrat in einer 3,5%igen Zucker-Wasser-Lösung wird mit einer Spritze in einer Dosierung von 5 Millilitern pro besetzter Wabengasse auf die Bienen geträufelt. Im brutfreien Zustand erreicht das Mittel alle Milben im Volk; die Wirksamkeit liegt bei 95 bis 98 %. Voraussetzung ist die Brutfreiheit — andernfalls überlebt jede Milbe, die in verdeckelter Brut sitzt.
Mai-2026 — DIB und LAVES
Die aktuelle DIB-Verlautbarung vom 4. Mai 2026 bekräftigt das integrierte Behandlungs-Konzept: Drohnen-Brut-Schneiden im Mai/Juni, Ameisensäure im August, Oxalsäure im Dezember. Neu in der Mai-Mitteilung 2026 ist der Hinweis, dass aufgrund der verfrühten Linden-Tracht-Phänologie 2026 (siehe DWD-Daten) das Ameisensäure-Fenster bereits in der letzten Juli-Woche statt erst Mitte August öffnen kann.
Die LAVES-Verlautbarung Niedersachsen, ebenfalls Mai 2026, dokumentiert in der Winter-Verlust-Erhebung 2025/2026 einen bundesweiten Verlust von 14,2 % — leicht unter dem 10-Jahres-Mittel von 16,8 %. Als Ursache nennt LAVES eine konsequentere Anwendung der Sommer-Ameisensäure-Behandlung bei den befragten Imkern und einen milden, aber brutfreien Januar, der die Oxalsäure-Träufelung besonders wirksam machte.
Am Lindenrand-Stand übernehmen wir die DIB-Sequenz unverändert. Zum 18. Mai 2026 stehen die zwei Drohnen-Bau-Rahmen pro Volk, der Tages-Fall liegt im Mittel bei 0,7 Milben. Der nächste Diagnose-Stichtag ist der 7. Juni.