Königinnenzucht im Mai 2026 — die Anbrütestation
Umlarven mit dem Schweizer Löffel, der 24-Becher-Zuchtrahmen und zehn Pflegetage bis zum Schlupf. Belegstellen Spitzkop und Norderney, künstliche Besamung mit dem Schley-Apparat und die DIB-Jahresfarbe Weiß für 2026.
Die Königinnen-Zucht ist das Handwerk, das die Imkerei von der Bienenhaltung unterscheidet. Wer eine Königin aus eigener Larve aufzieht, sie an einer Belegstelle begatten lässt und am Tag 28 als legende Mutter in ein Volk einweiselt, hat den Reproduktions-Zyklus der Honigbiene als Imker in der eigenen Hand. Im aktuellen Heft 17 dokumentiert die Redaktion am Lindenrand-Stand die Anbrüt-Phase 2026 — die Zucht-Saison läuft seit dem 12. Mai mit einer Umlarv-Serie von 24 Larven, geplant ist eine zweite Serie am 26. Mai und eine dritte Mitte Juni.
Die zwei Anbrüt-Schulen — entweiselt oder über Schied
Ein Anbrüt-Volk ist ein starkes, weisellos gemachtes Wirtschaftsvolk, das eine umgelarvte Larve als Königinnen-Larve annimmt, weiterfüttert und in einem Weiselbecher hochzieht. Es gibt im deutschen Imkertum zwei Schulen, das Anbrüt-Volk vorzubereiten.
Schule 1 — vollständig entweiselt. Die Königin wird aus dem Anbrüt-Volk entnommen, das Volk steht 24 Stunden weisellos, die Pflege-Bienen-Population sammelt sich um die fehlende Königinnen-Substanz, und in dieses akute biologische Vakuum hinein werden die umgelarvten Larven gegeben. Die Annahmequote liegt unter idealen Bedingungen bei 22 bis 24 von 24 Larven. Der Nachteil: Das Volk kann nur eine Serie aufziehen, danach muss es wieder beweiselt werden.
Schule 2 — Schied-Methode mit Königin. Das Volk behält seine Königin, wird aber durch ein Absperrgitter-Schied in zwei Bereiche geteilt — Königinnen-Bereich unten, weiselloser Pflege-Bereich oben. Die Pflege-Bienen oben empfinden sich als weisellos, ohne dass die Königin verloren geht. Das Volk kann über Wochen wiederholt anbrüten. Die Annahmequote ist etwas niedriger (18 bis 22 von 24 Larven), die Praktikabilität für serielle Zucht aber deutlich höher. Am Lindenrand-Stand arbeiten wir 2026 mit der Schied-Methode an Volk 3 als Anbrüt-Volk.
Umlarven — der Schweizer Löffel
Das Umlarven ist die Schlüssel-Handlung. Aus dem Wirtschafts-Volk (das Zuchtmutter-Volk mit den züchterisch erwünschten Eigenschaften — am Stand eine Carnica-Mutter aus AGT-Linie mit niedrigem Schwarmtrieb und nachweislich geringem Varroa-Befall) wird eine offene Brutwabe entnommen. Auf dieser Wabe werden Larven im Alter von 24 Stunden gesucht — sie liegen als gekrümmtes kleines Komma im Futtersaft, der Larven-Körper misst etwa 1,8 Millimeter.
Mit dem Schweizer Umlarv-Löffel — einem dünnen, biegsamen Hornlöffel mit einer Spitze, die unter die Larve geschoben wird — wird die Larve mit etwas Futtersaft aus der Arbeiterinnen-Zelle gehoben und in einen vorbereiteten Weiselbecher gesetzt. Der Löffel berührt die Larve nie direkt, sie wird auf einem dünnen Film Futtersaft transportiert. Wer die Larve trockenlegt oder umdreht, hat sie verloren.
Der Zucht-Rahmen mit 24 Weiselbechern
Der Zucht-Rahmen entspricht dem Brutwaben-Maß der Beute (also Zander 42 × 22 cm am Stand), trägt aber statt einer Mittelwand zwei oder drei horizontale Latten mit jeweils acht aufgesteckten künstlichen Weiselbechern aus Kunststoff. Die Becher sind in der Form der natürlichen Königinnen-Zelle nachgebildet — etwa 9 Millimeter Innendurchmesser, leicht konisch, mit einem Anguss-Stutzen, der in eine Halterung auf der Latte gesteckt wird.
Vor dem Umlarven werden die Becher entweder mit einem winzigen Tropfen verdünnten Futtersaft präpariert (klassische Methode) oder trocken belassen (moderne Methode, die mit der Hygiene gut zurechtkommt). 24 Larven werden umgelarvt — der Rahmen hängt in der Anbrütestation zwischen zwei Pollen-Waben im weisellosen Bereich des Anbrüt-Volkes.
Zehn Pflegetage — der Zucht-Kalender
Der biologische Zeitplan ist auf den Stundenwert genau:
- Tag 0 — Umlarven, Larve mit 24 Stunden Alter im Weiselbecher.
- Tag 1 bis 4 — die Pflege-Bienen ziehen die Zelle hoch und füttern mit Königinnen-Futtersaft. Die Larve wächst auf etwa das 1.500-Fache ihrer Anfangsmasse. Annahme-Kontrolle am Tag 2: Akzeptierte Larven schwimmen sichtbar im überquellenden Futtersaft.
- Tag 5 — Verdeckelung der Königinnen-Zelle. Die Pflege-Bienen verschließen sie mit einer kuppelförmigen Wachskappe. Ab jetzt darf der Rahmen nicht mehr geschüttelt oder umgedreht werden — die Puppe ist erschütterungs-empfindlich.
- Tag 6 bis 10 — Verpuppung und Häutung in der verdeckelten Zelle. Die Königin entwickelt Tracheen, Stachel, Eierstöcke und Flügelmuskulatur.
- Tag 9 — die Zellen werden in Schlupf-Käfige mit Futter-Teig vereinzelt, damit die zuerst schlüpfende Königin nicht die anderen aussticht.
- Tag 11 bis 12 — Schlupf. Die jungfräuliche Königin nagt die Wachskappe von innen auf und kommt heraus.
Begattung — Belegstelle oder künstliche Besamung
Eine jungfräuliche Königin hat 5 bis 14 Lebenstage Zeit, um sich begatten zu lassen. Danach wird sie unbegattbar und legt nur unbefruchtete Eier (Drohnen-Brüterin). Die Begattung erfolgt im Flug — die Königin paart sich mit 8 bis 20 Drohnen in der Luft an Drohnen-Sammelplätzen in 10 bis 30 Metern Höhe.
Belegstellen sind Standorte, an denen kontrolliert die Drohnen einer einzigen Zucht-Linie aufgestellt sind und an denen begattungsbereite Königinnen aus mehreren Imkereien zur Begattung gebracht werden. Für die Carnica-Rasse ist Spitzkop im Lüneburger Heideraum die wichtigste deutsche Belegstelle; für die Buckfast-Rasse ist die nordfriesische Insel-Belegstelle Norderney die etablierte Adresse. Der Vorteil der Insel-Belegstelle: Bei einer Drohnen-Reichweite von etwa 3 bis 5 Kilometern verhindert die Wasserumgebung Fremd-Eintrag.
Die künstliche Besamung mit dem Schley-Apparat ist die Alternative für Zuchtwerte, bei denen die Belegstellen-Logistik nicht passt. Der Schley-Apparat fixiert die betäubte Königin unter einem Stereo-Mikroskop in einer Halterung; die Stachelkammer wird mit zwei Haken geöffnet, und mit einer feinen Glas-Kanüle wird das gewonnene Drohnen-Sperma (typischerweise gepoolt aus 8 bis 12 Drohnen) eingebracht. Eine erfahrene Besamerin schafft 25 bis 35 Königinnen pro Tag. Die Methode geht auf Harry H. Laidlaw zurück und wurde in der deutschen Version durch Heinrich Schley standardisiert.
DIB-Jahresfarbe Weiß für 2026
Die jährliche Königinnen-Markierung — ein farbiger Plättchen-Tupfer auf dem Brustschild der jungen, begatteten Königin — folgt dem internationalen 5-Jahres-Farbcode. Die Zuordnung: Weiß für Jahre, die auf 1 oder 6 enden; Gelb für 2/7; Rot für 3/8; Grün für 4/9; Blau für 5/0. Königinnen, die 2026 begattet werden, tragen also den weißen Punkt — wie zuletzt 2021 und davor 2016.
Der Markierungs-Punkt wird mit einem Posca-Marker oder einem Opalith-Plättchen auf das Brustschild geklebt, während die Königin in einem Zeichen-Röhrchen durch ein feines Gitter fixiert ist. Die Markierung erlaubt es im späteren Volk, das Königinnen-Alter sofort zu erkennen — eine wichtige Information für Umweisel-Entscheidungen, weil Königinnen ab dem dritten Lebensjahr in der Legeleistung nachlassen.
Die Mai-Bilanz am Lindenrand-Stand
Zum Stichtag 21. Mai 2026 sind 24 Larven der ersten Serie verdeckelt, Annahmequote im aktuellen Heft dokumentiert mit 21 von 24 (87,5 %). Der Schlupf wird zwischen dem 23. und 24. Mai erwartet; 18 Schlupf-Käfige sind vorbereitet, die übrigen werden als Reserve gehalten. Begattung erfolgt an einer regionalen kleinen Belegstelle des Apis-Vereins, knapp 14 Kilometer entfernt. Die zweite Serie wird am 26. Mai umgelarvt.